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Ich habe durch einen Teilnehmer in einem populärwissenschaftlichen Forum einen sehr schönen Text von Jeanne Hersch kennen gelernt „Meditation über die Zeit“. Hier ein kleiner Auszug:

Nie ist die Zeit müde, neue Möglichkeiten des Lebens zuschaffen, wobei sie Wesen, Lügen, Sünden, in ihrem seltsamen Nichts begräbt. Die Zeit heilt alles, sagt man. Nach und nach - eher rasch -gelingt es ihr, verweigertes Vergeben durch Vergessen zu ersetzen. Sie nutzt die Trauer, die verlorene Hoffnung, ab. Sie überwuchert die Grabmäler. Sie wiederholt, im menschlichen Gedächtnis, durch Vergessen, die wohltuende, immer erneute Reinigung, durch die die Natur - wo «alles alles frisst» -, zu jeder Stunde die Spuren ihrer Leichen und Skelette verschwinden lässt. Trotz der Epen und Fabeln, trotz der Geschichte, und sogar durch sie hindurch, breitet sie über das Gewesene die schläfrige Distanz ihres Nichts. Warten, hoffen, glauben, werden wieder möglich. Das Leben lebt wieder auf, fängt wieder an.

 

Und doch nicht ganz. Diese Morgenröte ist nicht die erste. Irgendwo, in der neuen Stille, hört etwas, jemand, eine zahllose Menge, nicht auf zu stöhnen.

 

Das ist die Vergangenheit. Es ist vergangen. Es ist nicht mehr. Es gibt sie nicht mehr, diese Tage und Nächte; diese Jahre, Jahrhunderte, Minuten, Augenblicke; jene Kämpfe, Tränen, jenes Blut, die Lager, Gefängnisse; jene Bälle und Feste, Träume; jene Lebenden. Es gibt sie nicht mehr.

 

Und doch: wozu studieren die Geschichtsschreiber alte Dokumente unter der Lupe, wozu beugen sich die Archäologen über Bruchstücke von Keramik oder geschliffenem Stein? Wozu soviel Mühe und Arbeit, unter der Sonne oder der Lampe, um der Wahrheit näher zu kommen, die gewesen ist? Wenn das Gewesene, die Gewesenen, nichts mehr sind - warum kann man dann nicht einfach irgend etwas über sie sagen? Ist es nicht so, dass es im Nichts Raum gibt für irgend etwas?

 

Selbstverständlich gibt es irgendwo, bei Einigen, ein Rest von Erinnerung…

 

Deshalb finde ich die Wissenschaft so interessant, nichts wird Außeracht gelassen, alle Details, alle Kleinigkeiten, alle Ansätze werden als wichtig betrachtet, jeder Irrtum wird korrigiert, alles wird unter die Lupe genommen.

 

 

Auch deshalb finde ich die Populärwissenschaft so interessant, weil auch Nicht-Wissenschaftler jetzt fast gleichzeitig auch mitmachen können, mitbeobachten, mitüberlegen, mitexperimentieren, mitüberprüfen können. Dazu hat doch jeder in seinem persönlichen Umfeld genug Gelegenheiten bei wissenschaftlichen Theorien mitzudenken, und zwar ganz unkompliziert. Zum Beispiel: Es gibt zurzeit zwei widersprüchlichen Theorien über die genetische Abstammung der heutigen Menschen: Manche Wissenschaftler sind der Meinung, alle Menschen stammen aus Afrika, manche meinen dagegen, dasselbe Phänomen könnte auch gleichzeitig in Asien stattgefunden haben. Welche der beiden Theorien ist nun richtig?

 

 

Ich habe einen Arbeitskollegen mit dem ich mich sehr gut verstehe, ein Chinese, der als 14-jähriger nach Deutschland gekommen ist. Wir essen jeden Tag zusammen in der Kantine und manchmal erzählt er auch über seine Kindheit, seine Familie und Verwandtschaft, seine Erlebnisse als Kind. Jedes mal muss ich heimlich staunen: Alles kommt mir erstaunlich bekannt vor, ich kann alle Menschen und Erfahrungen, die er beschreibt, völlig nachvollziehen und nachempfinden, ich habe den Eindruck, ich könnte in seiner Familie geboren und großgeworden sein und ich hätte auch nicht anders gedacht und gefühlt, ich wäre nicht fremd gewesen. Er in meiner Familie wahrscheinlich auch nicht.

 

Ich weiß jedoch welche der beiden Theorien für mich zutrifft: Ich bin Out of Afrika. Und ich habe Beweise dafür, und auch Experimente, die beliebig wiederholbar sind, unmittelbar als "wahr" wahrgenommen werden. Der Beweis ist das Lächeln der Menschen aus Afrika. Wenn Menschen aus Afrika mich angucken und anlächeln (ob Fotos, Filme oder Wirklichkeit), dann passiert immer wieder dasselbe: Es ist unvergleichbar wohltuend. Es ist sogar manchmal wie ein mini-Urknall, ein paar Sekunden perfektes Urvertrauen, ein paar Sekunden Glück. Dann weiß ich es genau: sie sind es, sie sind es gewesen, die ersten Menschen, die mich angelächelt haben, als ich geboren wurde. Die Theorie stimmt. Und Jeanne Hersch hat auch Recht: " Selbstverständlich gibt es irgendwo, bei Einigen, ein Rest von Erinnerung…“. Es gibt bei uns ein Rest der Erinnerung, und nicht nur bei einigen, wahrscheinlich bei allen, wenn man genauer beobachtet.

 

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