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Ich habe vor 3 Jahren zum ersten Mal an einem Forum (der französischen populärwissenschaftlichen Zeitschrift Science & Vie) teilgenommen.   Die Austäusche  waren dort  sehr aktiv,  umfangreich

und locker, ein bisschen chat-artig, öfter auch von spielerischer Natur, ich war schon ein paar Monate Teilnehmerin. Dann kam praktisch online der Selbstmordversuch meiner Schwester Patricia.

 

Sie rief mich Mitte in der Nacht an, sie war schon praktisch weg, sie hat sehr viel italienisch gesprochen und ich kann kein italienisch. Sie habe sich mit ihrem Freund gestritten. Ich konnte rausfinden, dass sie Tabletten geschluckt hatte, und deren Name, wie viele konnte sie mir nicht sagen, sie wusste es nicht mehr. Ich habe lange zu ihr gesprochen, sie war sehr angeschlagen, dann sagte sie aber es ginge ihr besser, sie fühlt sich beruhigt, sie legt auf und ruft mich am nächsten Morgen an. Sie rief nicht an, antwortete auch nicht, weder auf Anrufbeantworter noch auf Handy. Ich hatte frei und war alleine zu Hause. Es ging mir zu dieser Zeit per Zufall selber psychisch sehr schlecht. Ich war total panisch und hilflos, wusste nicht mal, was ich machen sollte, wie ich ihr helfen sollte, ich kannte keiner in Italien in ihrer Umgebung, ich wusste nur, dass sie alleine war und an diesem Tag auch frei hatte und keiner ihrer Abwesenheit merken würde. Ich war aber selbst sozusagen vor Stress nicht handlungsfähig, hatte keine Ideen oder  Initiative.   Ich habe dann in diesem Forum um Hilfe gebeten. Was soll ich tun?   

 

Keiner hat mir geglaubt, die haben alle geglaubt, das gehört zu einem Spiel, sie haben nur rumgealbert und mich auch ausgeschimpft, es wäre geschmacklos, ich ticke wohl nicht richtig im Kopf. Ich konnte es nicht fassen.   Ich war total  fix und fertig,  konnte  nicht  mal  eine  Telefonnummer  raussuchen,  wusste nicht mal welche ich suchen

 

sollte… Ein Forumsteilnehmer, ein Belgier, hat mir geglaubt. Er hat mir gesagt, ich solle das "Centre Anti-poison" (Zentrum für Hilfe bei Vergiftungen) meines Wohnorts anrufen und  mich  erkundigen,  ob diese  Tabletten gefährlich wären. Das habe  ich  getan,   ich  habe dann in  Berlin angerufen, die haben  mir  gesagt, es sind wohl Schlaftabletten, bei Überdosis lebensgefährlich, man solle schnell handeln. Der Belgier sagte mir, ich soll lieber direkt versuchen, die Italiener vor Ort zu alarmieren, über die Polizei in Deutschland  wird  es  wohl zu lange und zu  bürokratisch  sein. Ich solle das 

 

italienische Konsulat in Hamburg anrufen und die fragen, was ich machen soll. Das Konsulat antwortete nicht. Der Belgier hat mir gesagt, ich solle die Polizei direkt in Italien anrufen und gab mir eine internationale Rufnummer auf. Die funktionierte nicht.

 

Der Belgier gab mir dann die Telefonnummer des Krankenhauses der kleinen Stadt wo meine Schwester wohnt, die er im Internet rausgesucht hatte. Ich rief da ins Krankenhaus an, jemand hat in deutsch oder in französisch verstanden, dass es ein Notruf war. Ich wurde verbunden mit dem Notdienst des Krankenhauses, jemand sprach und verstand dort gut deutsch. Ich habe es erzählt, ich habe Name, Adresse und Telefon-Nummer gegeben, die haben mir gesagt, sie fahren gleich los zu ihr. Ich soll mich in einer Stunde wieder melden. Ich habe nach einer halben Stunde wieder angerufen. Die haben mir gesagt, sie ist jetzt im Notwagen, sie wird zur Behandlung ins Krankenhaus gefahren, sie ist bewusstlos aber sie wird schon versorgt, ich solle mich beruhigen und keine Sorge machen, sie wird versorgt, ich solle mich in einer Stunde melden. Nach einer Stunde habe ich angerufen, sie haben mir gesagt, sie sei nicht mehr in Lebensgefahr, sie ist versorgt worden, der Magen wurde ausgepumpt, sie hat für 24 Stunde die intravenöse Blutperfusion, dann wird sie in der Psychiatrie fachlich versorgt und betreut.

 

Ohne die konkrete Hilfe dieses belgischen Forums-Teilnehmers, wäre ich unfähig gewesen, meiner Schwester zu helfen. Es war eine erschreckende Feststellung. Und auch eine erschreckende Feststellung über die Kommunikation und den Umgang miteinander in Internet-Foren, sehr oft beherrscht von Oberflächlichkeit, Misstrauen, Anfeindungen und Aggressivität… Muss es sein? Werden wir irgendwann lernen können, dieses eigentlich wunderbare „Werkzeug Internet“ richtig zu nutzen?

 

Der Name des belgischen Forums-Teilnehmers aus dieser Erzählung ist: Christian Servais, Liège

 

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