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Mehmet und der Spiegel

 

Ich kenne wieder eine wahre und merkwürdige Geschichte: Die Geschichte von Mehmet, der Frisör. Er hat mir die selber erzählt, er ist sehr sprachgewandt, er kann sich sehr gut mitteilen. Zehn Jahre lang hat er in einem Top-Frisörsalon erfolgreich gearbeitet, und sich dabei, wie das eben üblich ist, rege mit seinen Kunden unterhalten, über den Spiegel eben. Und eines Tages hat er sich sehr erschrocken: Er konnte nicht mehr verstehen, was seine Kunden ihm erzählt haben! Die Lauten und Lippenbewegungen machten keinen Sinn mehr, sie waren wie spiegelverkehrt. Auch direkte Ansprachen konnte er nicht mehr so richtig verstehen, oder nur mit sehr viel Mühe. Er konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben. Dieser Scheißspiegel! Außerdem hatte er das quälende und nicht loszukriegende Gefühl, dass sein Gesicht wie mit einer Maske aus Glas umhüllt war. Keiner hat sein Problem verstanden, es arbeiten doch Tausende und Tausende von Frisören jahrelang vor einem Spiegel, was ist dabei schlimm? Er wusste es auch nicht, nur ein Kollegen von ihm hat ihm einmal kurz gesagt vor seiner Hilflosigkeit: „Du hörst alles spiegelverkehrt, nee?

  
Komisch, was es alles gibt.

 

 

 

 

Felix und der PC-Absturz

 

Ich erzähle wieder eine wahre Geschichte, viel mehr kann ich eben nicht tun in diesem Forum – aber es heißt doch „Die Wahrheit in der Wissenschaft“, also bin ich beim Thema, und die Wissenschaftler sind Sie, also bin ich richtig.

 

Die Geschichte von Felix, der Student und Volleyball-Trainer. Zwei Tage vor der Abgabe einer wichtigen Prüfung ist sein PC total und irreparable abgestürzt. Die ganze Arbeit von Wochen und Monaten war verloren, er hatte sie nicht woanders gespeichert. Die Prüfung hat er noch bestanden, aber ein paar Tage später ist sein Gehirn auch abgestürzt: schwere Psychose. Seinen muskulösen und durchtrainierten Körper konnte er nur komisch und leicht steif bewegen, wie ein Automat, er hatte immer als Gesichtausdruck ein nettes und friedliches Lächeln, aber seine ganz klaren blauen Augen haben durch einen hindurch geguckt. Er war in einem anderen Kontext. Einmal ist er zwei Tage lang verschwunden, keiner wusste wo er war, er auch nicht.  

 

Kann das Buggen eines PC’s das Buggen eines Gehirns verursachen?
 

 

 

 

Ulrike und die Wasserallergie

 

Eine wahre Geschichte, wie gehabt. Die Geschichte von Ulrike, die Psychologin und Soziologin, meine leise, liebe und immer lächelnde Zimmernachbarin. Sie hat mir jeden Abend fantastische Vorträge über Psychologie gehalten. Sie wusste viel, sie hatte viele Menschenkenntnisse, ihre ruhige, einfache aber sehr reiche und angenehme Sprache war faszinierend. Sie hat mir auch erzählt, dass sie damals als Studentin von einem persischen Mitstudenten unter Drohung eines Messers vergewaltigt wurde. Sie konnte dieses Ereignis unglaublich darstellen und nachvollziehen. Sie hat mir erklärt, warum der Täter am nächsten Morgen so lieb zu ihr war und das Frühstück vorbereitet hat. Sie hat mir auch erklärt, warum der Schah von Persien immer so einen starren Gesichtsausdruck hatte: Er konnte sein Leben lang nicht verkraften, dass er seine geliebte Frau Soraya verstoßen musste. Sie sah in mir die Gesichtsausdrücke der Soraya, ja ich soll wie sie gelächelt und den Kopf bewegt haben.  
 
Ulrike hatte eine Wasserallergie. Sie konnte nicht ertragen, dass Wasser in Kontakt zu ihrer Haut kommt, es sei Gift, schlimmes Gift, tödliches Gift. Sie hat mir eindrucksvoll beschrieben wie sie es fühlt, wie quälend und beängstigend es ist, wenn Wassertropfen sich ihren Weg durch ihre Adern bis zum Herz suchen. Dann kriegte sie keine Luft mehr. Als Schutz hat sie sich den ganzen Tag und die halbe Nacht mit einer naturbelassenen Kosmetikcreme gerieben, insbesondere die innere Seite der Handgelenke, die Knien, die Zehen und die Knöchel.  
 
Kann Wasser eine Allergie hervorrufen?

 

 

 

 

Jens und die Hand des Teufels  

 

Die Geschichte von Jens, das ehemalige Heim-Kind, der sozialauffällige Kiffer und Trinker. Es ging ihm sehr schlecht, sein „Betreuer“ sagte, er solle sich behandeln lassen, er sah das nicht ein, er wäre nicht krank. Eines Morgens hat er aus dem Fenster geguckt und ganz deutlich und präzis Mitte auf dem Hof die blutige, abgeschnittene, krallige Hand des Teufels gesehen und beobachtet. Er hat sich sehr erschrocken und sich doch behandeln lassen: schizo-affektive Psychose.  
 
Er hatte mal bei einem früheren Aufenthalt und einer Ergotherapie-Sitzung (sie nannten es alle lachend Ego-Therapie…) ein Bild „Supergirl“ gemalt und hat es mir geschenkt. Er sagte, es könnte ein Portrait von mir sein, wegen den ungewöhnlichen grauen Strähnen an den Schläfen (ich habe graue Strähne an den Schläfen). Er wußte aber nicht mehr warum er es gemalt hatte, er sagte lachend, dass er mich doch zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennen gelernt habe, und schenkte es mir einfach. Ich fühlte mich geschmeichelt, ich habe das Bild einrahmen lassen und bei mir zu Hause aufgehängt.  

Kann man das Portrait von jemandem malen, ohne ihn zu kennen?  

 

 

 

 

Sven und die Jungfrau von Orleans 

 

Parallel zu der Polemik um die „Marseillaise“ ist auch in Frankreich eine Polemik um Jeanne d'Arc, die Jungfrau von Orleans, ausgebrochen. Die rechtsextremistischen Parteien um Jean-Marie Le Pen beanspruchen wieder die Symbolfigur Jeanne d'Arc für sich: Sie ist traditionell eine Heldin, sie hat ja Frankreich befreit, sie wollte "bouter les Anglais hors de France" ("die Engländer aus Frankreich verjagen" - die waren ja lange unsere Invasoren und Erzfeinde bevor die Deutschen/Österreicher es wurden) und sie hat es auch geschafft, sie hat es in Auftrag Gottes getan, sie hat Seine Stimme gehört. Also wieder "Ausländer raus!", ganz klarer Fall, oder? Die Jungfrau von Orleans kämpft immer noch symbolisch an der Seite Le Pen. Klar.  
 
Was hat es mit Sven und mit der Wahrheit in der Wissenschaft zu tun?  
Die Geschichte von Sven, der schöne, sanfte Kahlkopf. Er hatte seit vier Jahren eine feste Freundin, sie haben sich gut verstanden. Aber Sven hörte Stimmen. Nicht die Stimme Gottes, nein, ganz normale Stimmen, Teile von ganz normalen, alltäglichen Gesprächen, harmlosen alltäglichen Unterhaltungen. Das hat ihn sehr bedrückt und beängstigt, er hat es seiner Freundin erzählt. Sie hat sich erschrocken, sie sagte, so was gibt's nicht, es ist nicht möglich, so was gibt's nicht. Die Beziehung ist zu Ende gegangen, das hat Sven sehr belastet, er wurde tief depressiv. Außerdem hatte er das quälende und nicht loszukriegende Gefühl, dass ein Keil in seinem Kopf über seinem Ohr eingeklemmt war. Er hat es immer wieder zur Beruhigung gerieben, die Stelle an seinem Kopf war noch kahler. Ich sagte zu ihm, er sei lieb und nett, sähe gut aus, habe ein geregeltes Leben, er würde bestimmt wieder eine neue nette Freundin finden. Er sagte, er wünsche sich es auch, gehe auch wieder in die Disco, aber er habe doch Angst sich neu zu verlieben, er könne es doch keinem sagen, das mit den Stimmen, und ohne es zu sagen halte man es nicht aus. Seine Mutter kam jeden Tag kurz um ihren Junge zu besuchen und ihm Wäsche zu bringen, der Tag ist ja so lang.  
 

Ist Sven auch ein Held? 
 

 

 

 

                                                                                                                                                                           

 

Songtitel:   Ship on the rocks

 

Text, Musik, Gitarre, Stimme: New Horizons

 

Zweite Stimme: Jocelyne Lopez

 

Arrangement und Technik: Horst Lubjuhn


Siehe auch den Thread bei philo-forum.de: "Erkannte Welt"

M.Tensor: - Erkannte Welt - Sie ist nicht weit weg, die Erkenntnis. Welche mag ich wohl meinen?
Die Erkenntnis, die ich nie erfahren werden. Mir ist der dunkel erleuchtete Pfad geblieben. Ich irre auf einen Acker voller Leere. Das was mir als Pfad vom Mond präsentiert wurde, waren nur die  Spuren  eines  Ackerpferdes.  Ich


Foto © 2004  - Georgi - philo-forum.de

wurde betrogen, der Weg ist kein W(w)eg. Es bleibt mir wohl auch nur das alleine herum irren in meiner kubischen Welt. Warum kubisch? Nur Grenzen, nur Wände soweit das Auge reicht. Ich komme nicht heraus. Ich weiß das hinter den Wänden meine Erkenntnis ist. Und dann der Gedanke meines gestohlenen Weges. Was soll sich machen wenn es mir hier zu eng wird. Ich weiß es, ich muss wachsen! Ich wachse und meine Welt schrumpft nicht, es wird nicht eng. Ich freue mich wenn die Sonne aufgeht. Der Acker ist weg, ich liege im Bett, bemerke es war nur ein Traum. Ich schaue mich um, ich sehe Wände, ich sehe Decken von oben und von unten.

Mein Traum ist da. Die Tür, wo ist sie? Sie wurde mir gestohlen. Meine Welt ist nun da! Kann ich nicht in eine andere Welt? Es wäre dann auch nur wieder eine Welt. Es wird dunkel, mir erscheint der Acker. Wider dieser dunkel erleuchtet Pfad. Ich gehe ihm nach und stehe wider an der gleiche Stelle. Ich erkenne, es ist meine Welt, ich gehe dahin wo meine Welt ist.

Sie ist nicht weit weg, die Erkenntnis, ich habe sie getroffen aber nicht mitgenommen. Ich erkenne das meine Welt die Erkenntnis ist.

 


Jocelyne
: Ich bin durch die Wand gegangen, in die andere Welt. Ich weiß nicht, wie es passiert ist, ich habe nichts gewollt, nichts bemerkt, nichts gespürt. Die Welt da drüben war genauso wie meine Welt, dieselbe Farben, dieselbe Töne, dieselbe Menschen, der Alltag, alles gleich. Nur habe ich langsam Verdacht gehabt. Irgendetwas war doch anders, aber was? Ja, das waren dieselbe Menschen, aber sie waren anders… Das war magisch, das war schön, ein Erlebnis. Das war magisch. Aber ich habe allmählich Angst gehabt, das war nicht meine Welt, das waren nicht die Menschen, die in meiner Welt waren, das war doch alles anders. Das war nicht weit, das war überhaupt nicht weit, aber ich habe panische Angst gehabt, ich wollte zurück, ich habe geschrieen und an die Wände getrommelt, ich will zurück, konnte aber nicht, keine Tür, kein Zugang, die Wände völlig dicht. Hört mich da draußen keiner? Sie haben mich gehört, ich habe es bemerkt. Ich merkte, dass sie sich da draußen bemühten mich zurückzuholen, sie sprachen zu mir, sie versuchten, mich zu beruhigen, Zeit zu gewinnen, mir Hoffnung zu machen. Sie bemühten sich, das habe ich bemerkt.

Georgi:: Hi Joc, Das was du da geschrieben hast hat mich irgendwie emotional angetastet...
guter Text...


Jocelyne: Sie bemühten sich, das habe ich bemerkt. Sie sprachen zu mir, sie versuchten, mich zu beruhigen, Zeit zu gewinnen. Sie sagten, wir können Dich nicht zurückholen, Du musst selber zurück. Aber es ist nicht weit, es ist überhaupt nicht weit, es ist ganz nah. Du musst es lernen, Du musst Vertrauen haben, keine Angst haben. Es ist nicht weit, es ist ganz nah, Du musst es lernen.


Jocelyne: So war es, als ich durch die Wand ging, in die andere Welt. Ich weiß nicht, wie das passiert ist, ich habe nichts bemerkt. Es ist nicht weit weg. Und ich weiß bis heute nicht, ob ich dabei den Verstand verlor oder fand.



 

Gefangen von mir selbst war ich nicht, aber so etwas Ähnliches. Der Raum um mich herum hat mich langsam aber unaufhörlich innerhalb ein paar Wochen eingeschlossen, die Welt lies mir schließlich keinen Platz mehr, nur Platz für meinen eigenen Körper, sonst  nicht. Ich wusste dann, dass es vorbeiwar, dass ich mich nie befreien könnte. Wie denn? Ich wusste, dass ich nie wieder, niemals mehr glücklich sein könnte, nie wieder lebendig. Ich wusste, dass es das Ende war, ein quälendes Ende. Die Welt hat mich jeden Tag mehr abgestoßen, alles um mich herum, Bäumen, Blumen, Himmel, Erde, Steine, Tieren, Menschen, Häuser, Gegenstände, alles, ich hatte keinen Platz mehr in der Welt, wie konnte es passieren? Die Augen zumachen war eine Qual, die Augen aufmachen war eine Qual, schrecklich bedrückend, ich wusste nicht, was ich den ganzen Tag angucken sollte, um nur ein paar Minuten Linderung zu bekommen, mir blieb nur Platz für meinen eigenen Körper. Lebendig bei voller körperlichen Gesundheit und vollem Bewusstsein im Raum für immer eingemauert.

Ich saß auf einer Bank im Garten des Krankenhauses, es war ein Freitagnachmittag, mein eingemauerter Körper saß auf der Bank. Und dann ist es passiert, ich habe es deutlich gespürt, irgendetwas hat sich gelöst. Der Raum um mich herum hat sich wieder eröffnet. Ich war befreit. Ich hatte wieder Platz, ich konnte wieder alles ohne Bedrückung angucken, die Bäumen, die Wege, das Gras, die Häuser, die Menschen, alles, sie haben mich wieder aufgenommen. Ich habe mich nur vorsichtig bewegt, aus Angst, dass es sich wieder schließt, aber ich habe es schon gewusst, ich bin durch, ich hab’s geschafft.

 

Diese Erzählungen möchte ich meinem Hausarzt widmen, Dr. Hubertus Stahlberg.

 

 

 

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